„Möge jeder Stolperstein ein Anstoß zum Guten sein“

Angehörige von NS-Opfern zu Gast bei dritter Stolpersteinverlegung in Dessau-Roßlau

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“ – dieses Motto treibt den Gunther Demnig nunmehr seit vielen Jahren an, Stolpersteine zum Gedenken an von Nazis deportierte und ermordete Menschen in Deutschland und dem europäischen Ausland zu verlegen. Das Stolpersteinprojekt ist das größte dezentrale Denkmal der Welt. Schon zum dritten Mal kam der Kölner Künstler am 28. Oktober 2010 nach Dessau-Roßlau um hier weitere 13 Gedenksteine zu verlegen. Die Initiative in der Muldestadt geht dabei von dem Projekt Gedenkkultur Dessau-Roßlau aus (mehr dazu hier…). Den Auftakt der diesjährigen Verlegung am ehemaligen Rabbinerhaus in der Kantorstraße begleiteten mehr als 120 Gäste und UnterstützerInnen.


Gunther Demnig bei der Arbeit

Neben der Anwesenheit des Stadtratsvorsitzenden Dr. Exner freute die Arbeitsgruppe Gedenkkultur ganz besonders die Teilnahme des Generalsekretärs des Zentralrats der Juden in Deutschland Stephan Kramer und der Angehörigen der Familie Schuber, die extra aus Israel anreisten. Drei der hier verlegten Stolpersteine sollen zukünftig auch an ihre Familienangehörigen erinnern. „Möge jeder Stolperstein ein Anstoß zum Guten sein“, mahnt Günter Donath (Pfarrer i.R., Mitglied des Projektes Gedenkkultur) in seiner Begrüßung an. In Verantwortung gegenüber der Vergangenheit, aber vor allem auch der Zukunft, erhoffen sich die ProjektmacherInnen, den Verstand und das Gewissen all jener anzustoßen, die die Gedenkmale an vielen Orten in der Stadt passieren, so Donath.


Günter Donath

„Es freut mich, dass sie heute nach Dessau gekommen sind, obwohl ihren Angehörigen hier unsägliches Leid widerfahren ist“, brachte Stadtratsvorsitzender Dr. Stefan Exner (CDU) seine Anerkennung an die weitgereisten Anverwandten der Familie Schuber zum Ausdruck. Die Werkstatt Gedenkkultur war von Anfang an ein Projekt aus der Bürgerschaft, lobt Exner das hier eingebrachte Engagement. Nahezu einhellig hatte sich der Stadtrat zudem schon zu Beginn für die Verlegung der Gedenksteine im Stadtbild ausgesprochen. Da die junge Generation kaum noch – und in Zukunft noch viel weniger – die Möglichkeit haben wird, von den Betroffenen selbst deren schicksalhafte Lebenserfahrungen kennenzulernen, solle sich jeder ernsthaft mit den Hintergründen des Gedenkens auseinandersetzen. „Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen“, so der Stadtratsvorsitzende. Exner stellt unmissverständlich klar, dass das Gedenken an die von den Nazis verfolgten und ermordeten Menschen auch ein wichtiger Beitrag im heutigen Kampf gegen Rechtsextremismus darstellt. Abschließend resümiert er in seinem Grußwort stellvertretend für die Stadt: „Dessau-Roßlau braucht viele weitere Stolpersteine.“


Stadtratsvorsitzender Dr. Stefan Exner

Die Meinung über die Stolpersteine ist auch beim Zentralrat der Juden gespalten, gesteht dessen Generalsekretär Stefan Kramer zu. Kritische Stimmen, darunter auch die Präsidentin Charlotte Knobloch, empfinden es als unangemessen, dass das Gedenken Ermordeter mit Füßen getreten werde. Um für Menschen Zugang zu dem zu finden, was im Nationalsozialismus geschehen ist, müssen neue Wege gefunden werden, verteidigt Kramer das Gedenkprojekt. Das Risiko, das einer achtlos drauftritt, sei dabei in Kauf zu nehmen, wenn hundert andere Mensch die Steine und die Geschichte dahinter zur Kenntnis nehmen. Stolpersteine, so Kramer, „sind mehr als nur Erinnerung.“ Mehr als die Erinnerung an die „fruchtbarste Epoche deutsch-jüdischer Geschichte“, die mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938 ihr grausames Ende fand. Was die Großväter einst endgültig zerstört haben, können die Enkel nicht wieder aufbauen, meint Stefan Kramer. Viel wichtiger aber sei die Verantwortung, gegen jegliche Diskriminierung aktiv zu werden, die daraus erwachse.


Stephan Kramer (Generalsekretär Zentralrat der Juden in Deutschland)

Gewisse Parallelen erkenne Kramer angesichts des „Schwadronierens“ eines „gewissen älteren Herren“, der mit seinem Buch derzeit für Furore sorgt und versuche, Menschen in nützliche und unnütze zu unterteilen. Gemeint ist der SPD-Politiker Thilo Sarrazin mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“. „Sich Sorgen machen muss erlaubt sein“, so Kramer, der anmahnt, nicht den Versuchungen zu erliegen, das Judentum gegen den Islam in Stellung zu bringen. „Antisemitismus ist nirgends hinnehmbar“, so Kramer, genauso wenig wie „Rassismus in der jüdischen Gesellschaft“. „Lassen sie sich von niemandem etwas vorschreiben, sondern denken sie selber“, gibt Kramer den jungen SchülerInnen als Rat mit auf den Weg, die sich an der Ausgestaltung des Gedenkens in der Kantorstraße eingebracht haben. „Die Weimarer Republik“, erinnert der Generalsekretär des Zentralrats, „ist nicht an zu vielen Nazis zugrunde gegangen, sondern an zu wenig Demokraten, die auf die Straße gegangen sind.“

Auf die stets aktuelle Frage, was er gegen Antisemitismus tun würde, antwortet Kramer mit einem schlichten Zitat des verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden Ignatz Bubis: „Sie müssen einen Juden kennen.“ Kramer, der selbstkritische Töne nicht missen lässt, setzt aber noch einen drauf und meint ironisch: „Sie müssen den richtigen Juden kennen.“ Andernfalls, mutmaßt er, „werden sie erst zum Antisemiten.“

Für das musikalische und literarische Rahmenprogramm sorgen einmal mehr SchülerInnen des Liborius-Gymnasiums. Der Lokalhistoriker Dr. Berndt Ulbrich, aktives Mitglied der Werkstatt Gedenkkultur, bringt die Biografien zu jenen Menschen ein, deren Schicksal hinter den verlegten Stolpersteinen stehen.


Lokalhistoriker Berndt Ulbrich

Mit den aktuell verlegten Gedenksteinen wird an den letzten Dessauer Rabbiner Dr. Isidor Walter, seine Frau Helene Walter, an Erna Heumann, die Witwe des Kantors David Heumann, an ihre Schwester Martha Lewin, an ihre Töchter Lotte Heumann sowie Anneliese Michaelis und deren 1935 geborene Tochter Judith erinnert. Dort, wo heute ein Wohnblock in der Askanischen Straße 54-58 steht, fand sich einst das Kaufhaus der Familie Schuber, das unter den Nazis „arisiert” wurde. Für das Eigentümerehepaar Sophie und Josef Schuber und deren Tochter Dora Feder werden Stolpersteine verlegt. Zudem wird mit einem Gedenkstein Franz Alexander in der Antoinettenstraße und Käthe und Siegfried Kanstein in der Medicusstraße gedacht (mehr dazu hier…).


Landesrabbiner Moshe Flomenmann

„Ein Auge weint und das andere lacht“, umschreibt der Landesrabbiner Moshe Flomenmann sein Gefühl, als er sich an diesem Tag auf den Weg nach Dessau-Roßlau machte. Gerade angesichts der Verlegung von Stolpersteinen empfinde er einerseits tiefe Trauer über das Leid und die schweren Schicksale derer der gedacht werde. Auf der anderen Seite aber hege er auch große Freude über das wiederauflebende jüdische Leben in Deutschland, so Flomenmann. „Zukunft ist das, was wir in Deutschland brauchen“, betont der Landesrabbiner.

„Unser Gedenken geht weiter“, versichert Günter Donath und meint damit sowohl an diesem Tag als auch langfristig. Nach der Kantorstraße steht an diesem Tag noch die Verlegung von Gedenksteinen in der Askanischen Straße, der Antoniettenstraße und der Medicusstraße an. Zudem wurden von Gunther Demnig an diesem Tag bereits zwei Stolpersteine wieder ersetzt, „die sie uns gestohlen haben“, merkt Donath an.

 

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