„Erstaunlich, was in mir steckt“

Zivilcourage – Training: ÜBUNG MACHT DIE TAT

Jeweils 16 interessierte Teilnehmer fanden sich am 11. Dezember 2014 im NORDKLUB, dem Kinder- und Jugendfreizeittreff in Dessau Nord und am 12. Dezember in der Deutschen Angestellten-Akademie (DAA) am Golfplatz ein und waren hochgradig zufrieden. Stand doch im Rahmen der vom Lokalen Aktionsplan geförderten Veranstaltungsreihe WOCHEN GELEBTER DEMOKRATIE 2014 (mehr dazu hier…) - nach einem Rückblick auf die friedliche Revolution vor 25 Jahren und einem Ausblick auf Themen künftiger Zivilcourage bei der jährlichen Konferenz des Netzwerks GELEBTE DEMOKRATIE - der Blick in die Praxis auf dem Programm.

„Was hindert Menschen, einzugreifen – Warum schauen so viele Menschen zu, wenn es in der Öffentlichkeit zu Pöbeleien, Beleidigungen oder Handgreiflichkeiten kommt?“ Das waren die Einstiegsfragen, die Christiane Böckmann, Zivilcourage-Trainerin vom Miteinander e.V. in Magdeburg aufgriff und beantwortete. Nicht zu reagieren ist ein durchaus übliches menschliches Verhalten und es sind 5 Hürden zu überwinden, soll sich zivilcouragiertes Eingreifen zeigen. Wir sind oft in Eile und mit uns beschäftigt, so dass wir häufig nicht bemerken, was um uns herum geschieht. Oder wir schätzen Situationen anders ein, denken, dass sie nichts mit uns zu tun haben. Oder wir wären bereit, sind aber unsicher, was zu tun ist und überlassen dann anderen das Feld statt das Eis zu brechen. „Es ist nicht Heldenmut gefragt, sondern Aufmerksamkeit und ein wacher Blick auf uns und unsere Umgebung“ rückt Frau Böckmann das oft moralisch aufgeladene Thema ins menschliche Maß.


Die Zivilcourage-Trainerin Christin Böckmann in Aktion

Um gleich die Power-Point-Folien zu schließen und mit Aufwärmübungen zu beginnen, bei der die ganze Gruppe aktiv wird. Da wird in unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Raum umhergegangen (je schneller, desto weniger Aufmerksamkeit für die Umgebung und desto mehr Kollisionsgefahr). Da bewegt sich ein Teil der Gruppe stark und mächtig, ein anderer Teil schwach und ohnmächtig (Wer weicht wohl wem aus?), dann gilt es, jemanden zu stoppen, der die natürliche Distanz zu uns nicht einhält. Tipps zur Körperhaltung und zur Stimme (das bestimmte, laute „Halt“ oder „Stopp“ klingt beim zweiten Mal schon wesentlich eindrucksvoller und kann beim dritten Mal schon fast ein Stadion füllen) runden diese Übungen ab. Durchatmen, Pause.



Eine Grundsituation wird aufgebaut – sechs Stühle, die einem Abteil in einem Zug, einer Straßenbahn, einem Bus nachgestellt sind. Es gilt, in Rollen zu schlüpfen: zwei bis drei Reisende nehmen Platz, jemand mit dem Auftrag, zu stören zu beleidigen oder zu nerven kommt hinzu. Der Adrenalinspiegel steigt, Ergebenheit in die Situation oder Eskalation ist das Ergebnis des ersten Rollenspiels. In der Gruppe werden Beobachtungen, Gefühle und Gedanken ausgetauscht, die ersten Ideen entstehen. Und werden gleich durchgespielt. Um die Ergebnisse wieder zu besprechen. Zum Schluss sind zwölf bis fünfzehn Handlungsoptionen entstanden, stehen übersichtlich an der Wandtafel und sind in den Köpfen der Teilnehmer_innen. Gut so: denn DIE eine wahre oder richtige Intervention gibt es nicht – jede Situation ist anders, jeder Mensch ist anders. Was hilft ist, dass man ein Set von Möglichkeiten zur Verfügung hat, die man einsetzen kann, wenn künftig Zivilcourage gefragt ist.



„Opferschutz geht vor.“, das ist einer der grundlegenden Sätze, die von den Herrn Kulig und Frau Müller von der polizeilichen Präventionsabteilung in Dessau-Roßlau zu hören sind und die in der letzten Stunde die Übungen zur Tat bereichern. Sich mit dem Aggressor rumzuschlagen ist nicht das Ziel – es gilt, den Menschen, der in der Situation das Opfer ist, aus dieser Situation herauszunehmen. „Rufen Sie den Notruf 110, wenn Ihnen der Bauch das sagt“, ist ein weiterer wichtiger Tipp. „Am Ende der Leitung ist jemand, der dann einschätzen kann, was zu tun ist. Und wundern Sie sich nicht, dass Sie gefragt werden, in welcher Stadt Sie sich befinden: die 110 ist eine bundesweite Rufnummer.“  Und zum besonnenen Handeln zählt noch etwas, das die Wenigsten mit Zivilcourage in Verbindung bringen: „Stellen Sie sich als Zeuge zur Verfügung, seien Sie ein guter Beobachter.“ Viele Täter bleiben straffrei, weil es daran mangelt.



Am Ende der vier Stunden Zivilcourage – Training steht, was ein jugendlicher Teilnehmer so zusammenfasst: „Erstaunlich, was in mir steckt.“

Das Netzwerk GELEBTE DEMOKRATIE wird weitere Zivilcourage-Trainings organisieren, wenn Interesse besteht: „Zehn Personen braucht es, um die zwanzig Euro wird es kosten und jeden Cent ist es wert.“, so Uwe Schmitter, der im Rahmen der WOCHEN GELEBTER DEMOKRATIE 2014 diese Übungen zur Zivilcourage vorbereitete und miterlebte.

Infos/Kontakt:
Netzwerk GELEBTE DEMOKRATIE
Uwe Schmitter
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.


 
Logo Bundesministerium f�r Familie, Senioren, Frauen und Jugend,  Logo TOLERANZ FÖRDERN - KOMPETENZ STÄRKEN Logo Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen, Jugend Logo TOLERANZ FÖRDERN - KOMPETENZ STÄRKEN