„Ich hatte Glück, deshalb bin ich heute hier und nicht in Auschwitz geblieben“

ZEITZEUGENPATENSCHAFTEN und Ausstellung werden der Öffentlichkeit präsentiert // Holocaustüberlebende Doris Grozdanovičová zu Gast

In der vollbesetzten Studiobühne des Alten Theaters stehen am 25. Januar 2015 vierzehn große Tafeln im Halbkreis. Vierzehn Aufsteller, auf denen persönliche Schicksale in Bildern, Zitaten und transkribierten Interviews abgebildet sind. Die biographischen Skizzen von NS- und Holocaustüberlebenden haben insgesamt 8 Jugendliche und junge Erwachsene im Rahmen des vom Lokalen Aktionsplan für Demokratie und Toleranz geförderten Projektes „Zeitzeugenpatenschaft – Jugendliche übernehmen den Staffelstab und tragen die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus für Gegenwart und Zukunft weiter“ (mehr dazu hier…) zusammengetragen. Was hier in knapp drei Monaten entstanden ist, beindruckt schon. Dies war freilich nur möglich, weil dafür das umfangreiche Video- und Zeitzeugenarchiv des Alternativen Jugendzentrums Dessau (AJZ e. V.) zur Verfügung stand und Teilnehmende sowie Projektleitung unermüdlich am Projekt arbeiteten. Zukünftig soll die Exposition nicht nur erweitert werden, sondern mit Hilfe einer pädagogischen Handreichung, von DVD`s und diversen Arbeitsblättern Einzug in den Unterricht halten.


Die Projektpatinnen und Projektpaten bei der Vorbereitung der Präsentationsveranstaltung

„Wir sind heute dankbar und voller Freude, nicht nur eine Zeitzeugin und Überlebende sondern eine Freundin als Ehrengast begrüßen zu dürfen: Doris Grozdanovičová “, sagt Projektleiterin Jana Müller vom Alternativen Jugendzentrum zur Eröffnung der Präsentation und bekommt dafür lauten Applaus. Es sollte an diesem Abend nicht der letzte bleiben.  Die AJZ-Mitarbeiterin betonte, dass der Weg, der nach Auschwitz führte, bereits Anfang der 1920-er Jahre auf den Straßen begann, als eine zunächst überschaubare Menge aus der Mitte der Gesellschaft den Nationalsozialisten folgte. „Würden wir sie heute Wutbürger nennen?“, fragt die Sozialpädagogin rhetorisch in die Runde und schlägt dabei zugleich eine Brücke zur aktuellen Tagespolitik.  Später dann habe die neu gegründete NSDAP mit ihrer Ideologie des Antikommunismus, Rassismus und insbesondere Antisemitismus das bedient und befördert, was ohnehin in den Köpfen eines Teils der Gesellschaft tief verwurzelt war. Die Nazipartei bot simple Erklärungsmuster für komplexe gesellschaftliche Probleme der Zeit an und schuf die Legende vom „Herrenvolk“, dem es „an Raum mangele“. Diese Politik und die Gleichgültigkeit der gleichgeschalteten Volksgemeinschaft führte direkt nach Auschwitz, das symbolisch für die nationalsozialistische Terror- und Vernichtungspolitik steht, wie auch unzählige andere Orte: „ Zum Beispiel Bernburg, Prettin, Buchenwald, Ravensbrück, Sobibór und Babi Yar, wo Menschen bestialisch und systematisch gequält und ermordet wurden.“

Ihren Dank richtet Jana Müller an die mehr als 100 Überlebenden, die in den letzten 16 Jahren ihre Zeugnisse vertrauensvoll in die Hände des AJZ Dessau gegeben haben. Natürlich vergisst sie dabei die Projektbeteiligten nicht:  „Mein zweiter Dank und meine große Anerkennung gehen an Euch, die Ihr die Patenschaft übernommen habt und viel Zeit und Energie in das Projekt investiert habt.“

Vierzehn Ausstellungstafeln und 2 DVDs mit den aufbereiteten Videozeugnissen umfasst die Ausstellung, in die nun die Projektteilnehmer einen ersten Einblick gewähren.


Fast 70 Gäste wohnten der veranstaltung bei

Mario Neumann hatte die Patenschaft für den bereits verstorbenen Ernesto Kroch (mehr dazu hier ...).
Er berichtet, dass Ernst 1917 in Breslau als zweites Kind von Ludwig und Elly Kroch geboren wurde. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise auf die finanzielle Situation der Familie führen dazu, dass Ernst seine Studienpläne aufgeben muss. Er verlässt das Gymnasium, beginnt eine Lehre zum Maschinenschlosser. Ernst wird Mitglied der Metallarbeiterjugend und knüpft Kontakte zum Jugendverband der Kommunistischen Partei. Bald wendet er sich dem Jugendverband der Kommunistischen Partei-Opposition zu, da er den stalinistischen Kurs der KPD ablehnt. Dort geht er schließlich in den Widerstand und wird im November 1934 verhaftet und nach der Haft in einem Gefängnis in Breslau in das KZ Lichtenburg überstellt.

Franziska Winkel wählte Doris Grozdanovičová (mehr dazu hier...) und (hier...), geborene Schimmerlingová, aus und übernahm die Patenschaft.

Doris Schimmerlingová wird 1926 als zweites Kind von Růžena Schimmerlingová und Karel Schimmerling in Iglau (tschechisch Jihlava) geboren. Ihr Bruder Hanuš ist fünf Jahre älter als Doris. 1934 zieht die jüdische Familie nach Brünn (tschechisch Brno). Im März 1939 marschieren deutsche Truppen in die Tschechoslowakei ein. Im neu gebildeten „Protektorat Böhmen und Mähren“ beginnt der Terror. Doris Grozdanovičová muss die tschechische Schule verlassen, kann noch ein halbes Jahr im jüdischen Gymnasium lernen, bevor auch das verboten ist. Die Familie muss ihre Wohnung verlassen und in einen primitiv ausgestatten Stadtteil ziehen. Am meisten schmerzt das Mädchen der Verlust der geliebten Katze. Ende Januar 1942, im Alter von 15 Jahren, werden Doris Grozdanovičová, ihre Eltern und ihr Bruder mit einem der ersten Transporte in das Ghetto Theresienstadt verschleppt. Kurz darauf folgt auch die Großmutter, die nach vierzehn Tagen unter den Lebensbedingungen im Ghetto verstirbt. Später kommt auch ihre Mutter in Theresienstadt ums Leben. Neben dem Hunger, den miserablen hygienischen Bedingungen, der Enge und dem Verlust geliebter Menschen, ist die ständig drohende Deportation "nach dem Osten" das Schlimmste. Zunächst sind die Ziele dieser Deportationen Izbica, Minsk, Sobibór, Majdanek und Treblinka. Ab Oktober 1942 ist das Ziel Auschwitz-Birkenau. Ende Oktober 1944 müssen auch der Vater und Bruder von Doris Grozdanovičová sich in den Transport nach Auschwitz einreihen. Es war die letzte Deportation aus Theresienstadt. Obwohl ihr Vater bereits für den vorherigen Transport vorgesehen war, gelang es dem jungen Mädchen, einen SS-Mann zu überreden, ihren Vater zunächst noch in Theresienstadt zu belassen. Als 19-Jährige wurde Doris Grozdanovičová im Mai 1945 von der Roten Armee befreit.

Vanessa Beckert und Steffen Butzkus setzten sich mit der Lebensgeschichte von Fruma Kucinskiene, geborene Vitkin, auseinander. Fruma Vitkin wird 1933 als zweites Kind von Riva und Vulf Vitkin in Kaunas geboren. Ihr Bruder Josif ist sieben Jahre älter. Am 22. Juni 1941 überfällt die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. Am 24. Juni wird Kaunas eingenommen. Sofort beginnen Pogrome. Die achtjährige Fruma muss im August 1941 mit ihrer jüdischen Familie ins Ghetto umziehen. Nach über zwei Jahren dort ergreifen ihre Eltern die Chance, dass Fruma von mutigen Frauen, darunter die Deutsche Helene Holzman, außerhalb des Ghettos versteckt wird.

Monique Trolldenier und Uwe Junker widmeten sich der Zeitzeugin Esther Bejarano (mehr dazu hier...), geborene Loevy. Die Kurzvostellung übernimmt Uwe, da Monique sogar zwei Patenschaften übernommen hat.

Esther Loewy wird 1924 in Saarlouis als jüngstes Kind von Margarethe und Rudolf Loewy geboren. Im April 1943 wird sie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. In den ersten Wochen muss sie in einem Arbeitskommando Steine schleppen. Als das Mädchenorchester entstand, meldete sie sich als Akkordeonspielerin, ohne jemals ein solches Instrument in der Hand gehabt zu haben. Das Orchester musste u.a. zum täglichen Marsch der Arbeitskolonnen durch das Lagertor spielen. Esther wurde weiter ins KZ Ravensbrück verschleppt, wo sie eine Häftlingsnummer oberhalb von 23.000 hatte. Auf einem der Todesmärsche von KZ-Häftlingen konnte sie zwischen Karow und Plau am See fliehen. Am 3. Mai 1945 erlebte sie in Lübz die Befreiung durch die Rote Armee.


Die Patin Monique Trolldenier stellt den Lebensweg von Esther Bejarano vor

Monique Trolldenier und Manuel Kichner beschäftigten sich auch mit dem Leben des 2012 verstorbenen Franz Rosenbach (mehr dazu hier...).

Franz Rosenbach wird als viertes Kind von Cäcilie Rosenbach und Franz Hermann in Horatitz, im Sudetenland geboren. Die Familie gehört der Minderheit der Sinti an. Kurz nach seiner Geburt trennen die Eltern sich. Seine Mutter zieht mit Franz nach Österreich. Von dort werden sie im Januar 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Drei Monate später wird Franz Rosenbach zunächst in das KZ Buchenwald, dann nach Mittelbau Dora verlegt. Seit November 1944 im Außenlager Harzungen wird er im April 1945 auf den Todesmarsch getrieben, der sich in Oranienbaum auflöst.


Manuel Kichner beschäftigten sich mit dem Leben des 2012 verstorbenen Franz Rosenbach

Für Kristin Sawras war sofort klar, dass sie die Patenschaft für den ebenfalls bereits verstorbenen Wilhelm Brasse, den sie selbst noch kennen gelernt hatte, übernimmt.

Wilhelm Brasse wird 1917 in Żywiec geboren. 1935 schließt er seine Ausbildung zum Fotografen ab. Nachdem die deutsche Wehrmacht im September 1939 Polen überfallen und besetzt hatte, versucht Wilhelm Brasse im Frühjahr 1940 über die ungarische Grenze zu fliehen, wird jedoch verhaftet. Nach mehreren Monaten Gefängnis erfolgt die Einweisung in das KZ Auschwitz. Ab Februar 1941 wird der Fotograf im sogenannten Erkennungsdienst eingesetzt. Neben den erkennungsdienstlichen Fotos der Häftlinge muss er private Aufnahmen der SS-Männer anfertigen, aber auch die Opfer medizinischer Experimente ablichten. Anfang Mai 1945 wird der inzwischen 28-jährige Wilhelm Brasse, der noch 42 Kilogramm wiegt, von Amerikanern in Ebensee, einem Außenlager von Mauthausen, befreit. Er kehrt nach Polen zurück und versucht wieder als Fotograf zu arbeiten.

Die Zeitzeugin, mit der sich Manuel Kirchner auch noch beschäftigt hat, ist Rozette Kats (mehr dazu hier...).

Rozette Kats wird im Mai 1942 in Amsterdam als erstes Kind von Henderina und Emanuel Louis Kats geboren. Die Niederlande sind seit zwei Jahren von Nazideutschland besetzt. Kurz nach ihrer Geburt taucht die jüdische Familie Kats unter und lebt in verschiedenen Verstecken. Rozette ist 9 Monate alt, als ihre Eltern sie in die Hände des Ehepaares van der Weg geben. Rozette erhält eine neue Identität und heißt nun Rita. Im Glauben, dass es ihre leiblichen Eltern sind, wächst „Rita“ behütet bei dem Ehepaar van der Weg auf. 1948, am Vorabend ihres 6. Geburtstages, sagt ihr Pflegevater ihr, dass sie nicht die leibliche Tochter ist, sondern das Kind jüdischer Eltern. Er erklärt ihr, dass es eine Zeit gegeben hat, in der jüdische Menschen verfolgt wurden und versichert, dass sie immer zur Familie gehören wird. Äußerlich ein fröhliches Kind leidet Rozette seit diesem Tag unter furchtbaren Ängsten.

Für bewegende Momente im Alten Theater sorgt dann das Zeitzeugengespräch mit Doris Grozdanovičová. „Ich kann Euch leider nicht sehen aber Ihr seht, wie gerührt ich bin“, sagt die NS-Überlebende angesichts der strahlenden Scheinwerfer im Saal. Für sie sei der 28. Januar ein ganz besonderes Datum: „An diesem Tag vor 73 Jahren sind wir nach Theresienstadt deportiert worden. Am Ende hatte ich Glück, deshalb bin ich hier und nicht in Auschwitz geblieben.“ Heute weiß sie, dass genau 8 Tage zuvor, am 20. Januar 1942, in einer Villa in Berlin-Wannsee eine Konferenz stattfand, in der hochrangige Nazis und Wirtschaftsführer die systematische Ermordung der europäischen Juden besprachen. Eindrucksvoll schildert sie den Transport in die ehemalige Festung Theresienstadt, die die Nazis zynisch als so genanntes „Altersghetto“ für Juden ausgaben. Mit 1.000 Menschen ging es auf Transport, ihr 50 Kilogramm schweres Gepäck mussten sie damals über 3 Kilometer ins Lager schleppen. Ungläubig schüttelt Doris Grozdanovičová den Kopf: „Das muss man sich einmal vorstellen, ich habe vier Geburtstage in Theresienstadt verbracht.“ Damals hätten alle im Ghetto gewusst, dass Theresienstadt allemal besser wäre als Auschwitz, auch wenn sie nicht wussten, was dort wirklich geschieht. Deshalb, auch wenn es nur schwer zu begreifen ist, spricht die Überlebende von Glück: „In Theresienstadt habe ich in der Landwirtschaft gearbeitet, Feldarbeit und solche Sachen.“ Bis heute sind Schafe, die sie dort für zu hüten hatte, Symbol ihres Überlebens: „Wo ich damals die Schafe weidete, sind heute große Bäume. Das Krematorium steht immer noch, dort wurden 29.000 Menschen verbrannt.“ Vieles kommt wieder hoch. Zum Beispiel der Anblick von Leichen, hatte sie bis dahin doch noch nie einen Toten gesehen: „Das ist eine solche Bilderbuchgeschichte – aber sie ist wahr.“


Zeitzeugin Doris Grozdanovičová und Jana Müller (r.) vom Alternativen Jugendzentrum

Ihr schönstes Erlebnis , da muss  Doris Grozdanovičová nicht lange überlegen, war das Wiedersehen mit ihrem Bruder, der u. a. Auschwitz überlebte.
„Wenn Ihr Fragen habt, dann raus damit“, sagt sie schließlich. Jana Müller bestärkt das Publikum auch persönlich auf die Zeitzeugin zuzugehen: „Doris ist wohl der kontaktfreudigste Mensch, den ich kenne“, sagt sie und berichtet davon, dass die Zeitzeugin just von der Zugfahrt von Prag zur heutigen Veranstaltung gleich wieder Leute kennengelernt hat, die ihr am Bahnsteig ausführlich vorgestellt wurden.

Zur gelungen Veranstaltung, mit der im Kontext des 70. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wurde, trug auch das bewegende musikalische Rahmenprogramm von Constanze Jaiser und Jacob David Pampuch bei. Dr. Constanze Jaiser zeichnet sich auch für die pädagogische Handreichung zur Ausstellung verantwortlich.


Constanze Jaiser und Jacob David Pampuch gestalteten das musikalische Rahmenprogramm


INFOS / KONTAKT /AUSSTELLUNGBUCHUNG


Jana Müller
Schlachthofstr. 25
06844 Dessau-Roßlau
Tel.: 0340 – 26 60 21 9
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.
Web: www.ajz-dessau.de

 
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