Jugendliche übernehmen den Staffelstab

ZEITZEUGENPATENSCHAFTEN tragen die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialimus für Gegenwart und Zukunft weiter

Anfang September 2014 startete im Alternativen Jugendzentrum Dessau (AJZ) das vom Lokalen Aktionsplan für Demokratie und Toleranz der Stadt Dessau Roßlau geförderte Projekt „Zeitzeugenpatenschaft – Jugendliche übernehmen den Staffelstab und tragen die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialimus für Gegenwart und Zukunft weiter“. Seit 1998 sammelt das AJZ Videozeugnisse Überlebender der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik. Aus dem umfangreichen Bestand wählten  die jugendlichen Projektteilnehmer Zeitzeugen aus und setzen sich anhand der Materialien (Videozeugnisse, schriftliche Zeugnisse, Fotos und Dokumente) mit deren Leben und Überleben intensiv auseinander. Am Anfang gilt es dabei eine zeitintensive Fleißarbeit zu bewältigen: das Transkribieren von Interviews, die teilweise eine Länge von drei Stunden haben.

Es folgt die Erarbeitung und Verdichtung der persönlichen Daten des jeweiligen Zeitzeugen, die Ergänzung durch weitere Quellen, wie zum Beispiel veröffentlichte Biografien, sowie die Auswahl von Zitaten und Fotos. Soweit noch möglich, denn mehrere Überlebende sind inzwischen verstorben, werden offene Fragen und Unklarheiten auch im direkten Kontakt mit den Zeitzeugen beantwortet und geklärt. Mit Unterstützung des Historikers Sven Langhammer erfolgt die historische Kontextualisierung der persönlichen Daten. Am Ende wird eine Ausstellung entstehen, die vor allem für den Einsatz im Schulunterricht geeignet sein soll. Dafür erarbeitet Dr. Constanze Jaiser auf der Grundlage der von den Projektteilnehmern erarbeiteten Produkte pädagogische Materialien. Fast täglich halten sich einzelne oder mehrere Projektteilnehmer  im AJZ auf und bewältigen mit viel Engagement die Herausforderungen des Projektes, deren Ergebnisse Ende Januar im Kontext des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrations-und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau der Öffentlichkeit präsentiert werden sollen.



Projektteilnehmer Manuel „begegnet“ zum ersten Mal Rozette Kats und entscheidet sich für die Patenschaft

Mario über die Beweggründe seiner Teilnahme am Projekt: „Ich habe in den letzten Jahren aktiv an Projekten und Bildungsreisen des AJZ teilgenommen und interessiere mich für Geschichte, vor allem die Geschichte des Nationalsozialismus. Das Projekt Zeitzeugenpatenschaft ermöglicht mir hierbei einen noch detaillierteren Einblick in Einzelschicksale Betroffener des Holocaust und gibt mir die Möglichkeit, auf ihren Spuren Geschichte zu erfahren." Dabei ist es ihm ein ganz persönliches Anliegen, den Lebens – und Leidensweg von Ernesto Kroch zu verfolgen. Schließlich hatte er vor einigen Jahren das Glück, diesen bereits verstorbenen Zeitzeugen im Rahmen einer Veranstaltung im AJZ näher kennenzulernen. "Sein Vermächtnis für Toleranz und soziale Gerechtigkeit weiterzugeben, hat mich dazu bewegt, an diesem Projekt teilzunehmen. Es gefällt mir sehr, aktiv an der Entstehung einer Ausstellung mitzuwirken, die vor allem junge Menschen erreichen soll. Dafür nehme ich die zeitaufwendige und manchmal auch recht anstrengende Projektarbeit gern in Kauf.“, so Mario weiter.

Kristin konnte als erste Patin vor wenigen Tagen ihre Ergebnisse in den Layoutprozess der Ausstellungstafeln übergeben. Sie hat die Patenschaft über Wilhelm Brasse, dem sie während einer Gedenkstättenfahrt des AJZ in Oswiecim/Auschwitz begegnet ist, übernommen: „Mir war es ein besonderes Anliegen, die Lebensgeschichte des inzwischen verstorbenen Wilhelm Brasse weiterzugeben. Herr Brasse, der in Auschwitz unter anderem Opfer medizinischer Experimente fotografieren musste und nach dem Krieg nicht mehr in der Lage war, in seinem Beruf als Fotograf zu arbeiten, weil die Bilder ihn verfolgten, war trotz alledem ein sehr humorvoller Mensch, der uns Jugendliche mit seinen über neunzig Jahren auch zum Lachen brachte. Die Jugendliche ist davon überzeugt, dass der Überlebende sich durch seine grauenhaften Schilderungen während des Zeitzeugengesprächs erleichtern wollte. Kristin beginnt in diesem Semester Journalismus zu studieren: "Das Projekt ist für mich auch unter diesem Aspekt eine tolle Herausforderung.“


Kristin während der Transkription des Videomaterials von Wilhelm Brasse

„Esther Bejarano musste im `Mädchenorchester Auschwitz´ um ihr Leben spielen, auch wenn Züge ankamen, deren Insassen mehrheitlich kurz darauf in den Gaskammern ermordet wurden. Bis heute hält sie durch Zeitzeugengespräche und Musik die Erinnerung an den Holocaust wach und ruft vor allem junge Menschen dazu auf, bei Fremdenhass nicht weg zu schauen.", meinen Uwe und Monique. Die beiden absolvieren gerade eine Ausbildung zum Erzieher und interessieren sich daher auch unter pädagogischen Aspekten für diese Thematik. Letzten Sommer nahmen sie an einer Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz teil: "Als wir vom Projekt Zeitzeugenpatenschaft erfuhren, sahen wir die Möglichkeit, unser Wissen zu vertiefen und Methoden der Vermittlung zu erproben." Da sie Esther Bejarano durch das AJZ persönlich treffen und ein Konzert mit ihr, ihrem Sohn Joram und Microphon Mafia in Berlin erleben konnten, war ganz klar, dass sie genau diese Patenschaft übernehmen wollten.


Monique und Uwe bei der Projektarbeit


Monique und Uwe beim Videoschnitt


Infos / Kontakt

Jana Müller
Schlachthofstr. 25
06844 Dessau-Roßlau
Tel.: 0340 – 26 60 21 9
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.
Web: www.ajz-dessau.de

 
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